we have grown

Ich denke oft an dich.
So ein seltsamer Mix, wie die CDs, mit der man seine Lieblingsmusik der Geliebten offenbart; mal ungläubig, mal fassungslos, mal die unglaublich tiefen Momente erinnernd, mal die Enttäuschung. Das hätte ich mir gerne erspart, wie diese Enttäuschung zugeschlagen hat und die ersten tiefen Risse im Porzellan unserer für mich alles andere als banalen Verbindung verursacht hat.

An dich denke ich auch immer wieder. Bis heute habe ich, wie in all den Jahren davor, weder eine belastbare Wahrheit, noch Verständnis für deine intriganten und betrügerischen Manöver gefunden.
Was letztlich auch egal ist, denn auch du wirst versinken nach und nach, wie einige vor dir.

Was ich merke und was mich die Tage, die ich ja völlig neu organisieren muss, mal ganz gut aufgelegt, mal am Rand balancierend, in der Übersicht schon etwas weniger verwaschen verbringen lässt: ich habe, instinktiv und nach langem Weg zur Entscheidung, richtig gehandelt. Ich fange an, meinen inneren Wert und meine Werte realistischer zu sehen, vor allem in der Hinsicht, mich absolut fern zu halten von gestörten Frauen, die von mir die Absolution wollen oder eine Therapiestunde und mich mit ihren Geschichten anekeln, undifferenziert und vor allem, um im Mittelpunkt zu stehen und mein Bett mit Geistern der Vergangenheit besetzen.
Ich werde wählerisch; manchmal reichen drei Treffen, die schön am Tisch bei einem Glas Tee zugebracht werden, statt bei einer verrenkten Nummer im Bett – und man weiss fast alles und der Instinkt schaltet die Notbeleuchtung im Gehirn ein. Wovon letztlich beide profitieren. Keine Kompromisse mehr.

Ich höre mir selbst zu, lasse meine Gedanken existieren, entwickle sogar so etwas wie Geduld.
Heute habe ich mich angemeldet zu einem Apple-Mac-Crashkurs in kleinem Kreis, ich habe Lust auf Neues und finde ohnehin, dass meine Generation und die davor lernen sollten, mit dem Internet umzugehen und die Technik ein wenig zu verstehen, die es ihnen möglich macht, die Familie per E-Mail und Face Time zu kontaktieren, statt vereinsamt beim Taubenfüttern darüber traurig zu jammern, dass sie niemand besucht.
Bald wird niemand mehr alltägliche Kontakte und Transaktionen tätigen können im Dialog mit „echten“ Menschen, sondern ratlos vor Automaten stehen oder den Endlosschleifen der Hotline lauschen.

Ich höre Laurie Anderson und Mozart und Bruce Springsteen, lese den Spiegel, frühstücke um 14:00 Uhr, bevor ich spät abends in die Welt der Breitbild-HD-Filme eintauche, immer mit etwas Furcht, welche Farbe meine Träume später haben werden.

Bist du bei mir?

Königin der Nacht

Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen,
Tod und Verzweiflung flammet um mich hin
(„Die Zauberflöte“, Mozart)

Ausgebuchter Zug mit 30 min Verspätung ab Berlin; es ist sehr warm, wie die ganzen Tage, die ich da war, bei S. unter dem Dach in der kleinen und schönen Wohnung.

Die erste längere Abwesenheit von zu Hause seit einem Jahr, und dann direkt in diese Riesenstadt, in der ich studiert habe bis zum Physikum; der Kulturbeutel und der Container mit den Medikamenten sind die schwersten Teile im Koffer, und wie immer nehme ich mehr mit, als nötig, aber wer weiß schon.

Sich treiben lassen, Pläne nur von Tag zu Tag machen; der wichtigste davon: mit D. und S. im Due Forni bis fast Mitternacht auf der neu angelegten Terrasse sitzen und über alles reden, was uns verbindet – die Verstorbenen, die, die im Freundeskreis sich langsam dem Sterben nähern, die Schlachtopfer aus Beziehungen, die eigenen Einschränkungen, das Leben in Beziehungen und das Leben davor und danach; immer gibt es dieses „danach“
Die beiden Ladies werden von Jahr zu Jahr schöner, weiblicher; ich liebe sie sehr, jede auf ihre Art und beide auf meine Weise.

Wir sind so jung im Herzen geblieben, bäumen uns auf und lassen keine Hoffnung fahren, während um uns herum immer mehr Leute den Satz beweisen, dass Altern nichts für Feiglinge ist.

Wir entdecken überall kleine Spielzeuge, Accessoires, Zuckerstücke und Taschen und Hüte, Dinge ohne wirklichen Sinn, aber deshalb lustig.

Ausstellungen, die ich angesehen habe und dringend jedem ans Herz lege, der Zeit dafür hat. „Latest Finds“,  CWC Gallery, Auguststrasse 11-13, Berlin und „Berenice Abbott – Fotografien“, im Martin Gropius-Bau,  auch ein Muß.
Eine junge Praktikantin schenkt mir das Expose und lädt mich nach Amsterdam ein, wo ein größeres Event ansteht im September: Yoram Roth:
Für den September steht also noch an (in Amsterdam): Yoram Roth:

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Grace

aus jeder Nacht, in der ich mich endlich in mein Bett zurückgezogen habe, wie in eine Schlangengrube, wache ich kurz auf, verschwitzt und schnappatmend und klebe an den Träumen, die ich in tausend schillernden Variationen wieder und wieder durchleide – ist das „Verarbeitung“? Mit einem Seufzen möchte ich erwachen, statt mit einem Schrei; und so will ich den Traum endlich zuende denken und zur Ruhe kommen, statt in der nächsten Nacht auf seine Rückkehr zu warten oder plötzlich merken: auch das ist geschafft, ist erledigt.

Ich habe alles beendet, die „Fleischmärkte“ der Kontaktplattformen, die halbherzigen Anpassungen an offenkundig psychisch stark alterierte Frauen, unter denen ich mehr „Fälle“ angetroffen habe, als in einer psychiatrischen Fachabteilung, ich habe mich mit aller Kraft gezwungen, wenigstens stundenweise unter andere Menschen zu gehen, ich habe versucht, den Rest an Vernunft zu mobilisieren, aus dem feuchten Schleier vor Augen wieder einen klaren Blick zu machen, meinen Stolz wieder zu reaktivieren, mich nicht länger, nicht einen Moment mehr, zu ducken oder ducken zu lassen.
Jeder und jedem, die oder der mir provokant oder unverschämt gegenüber getreten ist, habe ich ohne die Schärfe, zur der ich fähig bin, fast freundlich geantwortet oder bin still und kaum bemerkt aus diesem Lebensumfeld verschwunden.

Ich habe Affekte gesucht, Wut und Hass und Todeswünsche, in denen diese Gestalten verbrennen sollten, als würde mich das Feuer selbst reinigen; auch das ist nur ein Durchgangssyndrom.

Am Ende des Tunnels soll ein neues Ich stehen, das vielleicht zufällig melancholisch auf diese Geschichten schaut und ansonsten sich mehr und mehr dem nächsten Lebensabschnitt, meines Lebens, zuwendet.
Ich entlasse die Geister und Schlangen und weise ihnen den Weg zu denen, die Risse in meine Seele geschlagen haben; ob sie ihre Beute dort erwischen, kann mir letztlich egal sein.

In einigen Stunden werde ich den Radius erweitern.
Nicht mehr der Weg zum Waldspaziergang, zur Post, zum Supermarkt, zum nächsten Arzt, der sich mit einem kühlen Rektoskop an den untersten 20 cm Darm zu schaffen macht oder mit einem bleistiftdicken, starren Endoskop meinen Kehlkopf inspiziert, bis ich fast die Praxis vollkotze, werden das Limit sein:
Berlin ist das erste Ziel; ich habe Sehnsucht nach meinen Freundinnen, denen ich vertraue und die ich als Frau und Mensch liebe.

Langsam, auch meine Freundinnen vor Augen, die aus Gründen gut organisiert versingelt sind, befasse ich mich mit dem Gedanken, ohne Partnerin, also allein lebend, nicht als fünftes Rad an fremden Wagen und nicht als Subjekt selbstüberhöhenden Mitleids, nach und nach mit Bewussheit und Genuss auf dem absteigenden Teilstück des Bogens zum Ende zu gleiten.

 

eyes wide shut

komisch, ich kann neuerdings überall in meiner Wohnung sogar im Sitzen einschlafen, kaum lege ich mich in mein Bett, mache ich kein Auge zu; im Halbschlaf wabern unscharfe Videoschnipsel in mein Bewusstsein, ein Reigen verflochtener Geschichtsfragmente, wie in „Short Cuts“. Ungut.

Es waren heute hier bis zu 33 Grad, meine Frisörin war da und hat mich verfeinert, wir haben über Rotlichtverstösse geredet und – nachdem ich in 14 Tagen 2x in eine solche Falle geraten bin – was mich erwartet und wie ich das Fahrverbot überbrücke.

Beim Straßenverkehrszulassungsamt bin ich noch nicht deswegen registriert; das könne auch noch Wochen dauern; Hans im Glück hat offenbar eine kleine Pechsträhne.

Morgen kann ich den Wagen also noch fahren, das schöne Ziel vor Augen, in einer proktologischen Praxis den Zustand nach zwei Wochen Behandlung einer Fissur begutachten zu lassen; hoffentlich werde ich als reisefähig eingestuft (Bauchpresse beim Tragen von Gepäck ist auch eine Möglichkeit, sich ein Rezidiv einzufangen), denn Berlin wartet auf mich und ich auf Berlin.

Nebentätigkeit

da in der Werbung bei Parship steht ja, dass sich alle 11  min ein Single durch sie verliebt!
Mal abgesehen davon, dass man den Typ ja finden können müsste, um seinem selbstausbeuterischen Tun ein Ende zu setzten (Selbst- und Fremdschutz): der Mann wird ja auch nicht jünger und dieser Job ist wahrscheinlich mit einem hohen Anteil an Reisetätigkeit verbunden, abgesehen davon, dass das nervlich nicht ohne Demut und Verdrängungsvermögen geht (oder wie macht der das, in, sagen wir mal: Wanne-Eickel Zentrum, eine Kundin zu befriedigen ohne blind zu werden und nach 11 min dem nächsten Skin-Job in Rostock seine Aufwartung zu machen?)

Wenn ich da als 400-Euro-Jobber ab und an einspringen würde … oder?
Ich meine: ich tu’s ja nicht für mich!
Ich möchte nur nicht als Rentner in diese berüchtigten tiefen Löcher fallen, nutzlos werden, mich überflüssig fühlen und mir ein Ohr abbeissen.
Ich meine, es gibt ja Frauen, die diese Punzenschlecker (kleine Pudel) knutschen – also da kann ich immer noch mithalten! Proteinreiche Kost und etwas physiotherapeutische Bewegung im Sakralbereich für’s erste, mehr als ausreichend Schlaf habe ich ja schon.
Ich bin ganz verliebt in diese Idee – alle 11 min jedenfalls…

no rest for the wicked

Oh night though was my guide
oh night more loving than the rising sun
Oh night that joined the lover
to the beloved one
transforming each of them into the other
(Loreena McKennitt, “The Dark Night of the Soul”)

Vollmond-Nacht, ich träume, als hätte ich Messer im Mund, war um 5 Uhr morgens im Bett und um 12:30 wach, wie beim Auftauchen aus einer Narkose.
Tagewerk; nie hatte ich weniger Zeit, als jetzt im Stand eines Rentners – die Welt hat sich zusammengezogen, ich ärgere mich manchmal über meine Zaghaftigkeit, dass ich offenbar statt früher 5500, nun nur einen Patienten zu betreuen habe, mich selbst, was ich mit aller Gründlichkeit den halben Tag mache. Überhaupt ist immer noch jeder Tag eine Übung, für die ich mich morgens zuerst bewaffnen muss.
Wer morgens erwacht, kann nicht tot sein, wo der Schmerz ist, ist das Leben.

Ich blute immer noch.
Und ich fühle, wenn ich einfach loslasse, wie eine Art Zwilling des blutenden Schmerzes meine Gefühle formt und lenkt und die Gestalten, Geliebte und Gehasste, neben mir, über mir, in mir ihre Spiele spielen, deren Regeln ich nie wirklich verstanden habe.
Subvokale Gebete kurz vor dem Wegdämmern: bitte, lass‘ es aufhören.

An der Kasse im Supermarkt steht ein gebeugter alter Mann von etwa 80 Jahren und fragt, ob man seinen Autoschlüssel gefunden habe; zufällig habe ich gesehen, wie ein Schlüssel abgegeben wurde und informiere ihn, wo er ihn zurück bekommt – leise beginnt er zu erzählen, dass er ja sonst nicht nach Hause komme, auf den Friedhof, wo seine Frau liege.
Das blonde, schöne Mädchen an der Kasse sieht seine Tränen und schaut mich fast flehend an – mit 19 Jahren denkt sie nur mit Grauen an Tod und Friedhof, und weinende Greise jagen ihr eine Heidenangst ein.
Ich führe den alten Mann sanft am Arm dorthin, wo er seinen Schlüssel bekommen wird und er verzögert jeden Moment, um – sicher nur einmal an diesem Tag – mit einem Menschen zu sprechen; den Rest der Zeit wird er auf dem Friedhof sitzen und mit dem Erdreich sprechen, unter dem seine Frau liegt; seine Tochter wohnt weit weg und kann nicht oft genug kommen.
„Es ist sehr schwer“, sagt er, „das Altwerden!“; und wir sehen uns in die Augen und entdecken uns ineinander.
Ja, denke ich, er und ich und das Mädchen an der Kasse, wir sind wie ein geronnenes Stück Leben, drei Generationen – eine beginnt erst ins Leben zu gehen, eine füttert die streunenden Katzen an den Grabsteinen und eine steht dazwischen.

Wasser des Lebens bin ich, ausgegossen für dürstende Menschen.