Nebentätigkeit

da in der Werbung bei Parship steht ja, dass sich alle 11 Sekunden ein Single durch sie verliebt!
Mal abgesehen davon, dass man den Typ ja finden können müsste, um seinem selbstausbeuterischen Tun ein Ende zu setzten (Selbst- und Fremdschutz): der Mann wird ja auch nicht jünger und dieser Job ist wahrscheinlich mit einem hohen Anteil an Reisetätigkeit verbunden, abgesehen davon, dass das nervlich nicht ohne Demut und Verdrängungsvermögen geht (oder wie macht der das, in, sagen wir mal: Wanne-Eickel Zentrum, eine Kundin zu befriedigen ohne blind zu werden und nach 11 Sekunden dem nächsten Skin-Job in Rostock seine Aufwartung zu machen?)

Wenn ich da als 400-Euro-Jobber ab und an einspringen würde … oder?
Ich meine: ich tu’s ja nicht für mich!
Ich möchte nur nicht als Rentner in diese berüchtigten tiefen Löcher fallen, nutzlos werden, mich überflüssig fühlen und mir ein Ohr abbeissen.
Ich meine, es gibt ja Frauen, die diese Punzenschlecker (kleine Pudel) knutschen – also da kann ich immer noch mithalten! Proteinreiche Kost und etwas physiotherapeutische Bewegung im Sakralbereich für’s erste, mehr als ausreichend Schlaf habe ich ja schon.
Ich bin ganz verliebt in diese Idee – alle 11 Sekunden jedenfalls…

no rest for the wicked

Oh night though was my guide
oh night more loving than the rising sun
Oh night that joined the lover
to the beloved one
transforming each of them into the other
(Loreena McKennitt, “The Dark Night of the Soul”)

Vollmond-Nacht, ich träume, als hätte ich Messer im Mund, war um 5 Uhr morgens im Bett und um 12:30 wach, wie beim Auftauchen aus einer Narkose.
Tagewerk; nie hatte ich weniger Zeit, als jetzt im Stand eines Rentners – die Welt hat sich zusammengezogen, ich ärgere mich manchmal über meine Zaghaftigkeit, dass ich offenbar statt früher 5500, nun nur einen Patienten zu betreuen habe, mich selbst, was ich mit aller Gründlichkeit den halben Tag mache. Überhaupt ist immer noch jeder Tag eine Übung, für die ich mich morgens zuerst bewaffnen muss.
Wer morgens erwacht, kann nicht tot sein, wo der Schmerz ist, ist das Leben.

Ich blute immer noch.
Und ich fühle, wenn ich einfach loslasse, wie eine Art Zwilling des blutenden Schmerzes meine Gefühle formt und lenkt und die Gestalten, Geliebte und Gehasste, neben mir, über mir, in mir ihre Spiele spielen, deren Regeln ich nie wirklich verstanden habe.
Subvokale Gebete kurz vor dem Wegdämmern: bitte, lass‘ es aufhören.

An der Kasse im Supermarkt steht ein gebeugter alter Mann von etwa 80 Jahren und fragt, ob man seinen Autoschlüssel gefunden habe; zufällig habe ich gesehen, wie ein Schlüssel abgegeben wurde und informiere ihn, wo er ihn zurück bekommt – leise beginnt er zu erzählen, dass er ja sonst nicht nach Hause komme, auf den Friedhof, wo seine Frau liege.
Das blonde, schöne Mädchen an der Kasse sieht seine Tränen und schaut mich fast flehend an – mit 19 Jahren denkt sie nur mit Grauen an Tod und Friedhof, und weinende Greise jagen ihr eine Heidenangst ein.
Ich führe den alten Mann sanft am Arm dorthin, wo er seinen Schlüssel bekommen wird und er verzögert jeden Moment, um – sicher nur einmal an diesem Tag – mit einem Menschen zu sprechen; den Rest der Zeit wird er auf dem Friedhof sitzen und mit dem Erdreich sprechen, unter dem seine Frau liegt; seine Tochter wohnt weit weg und kann nicht oft genug kommen.
„Es ist sehr schwer“, sagt er, „das Altwerden!“; und wir sehen uns in die Augen und entdecken uns ineinander.
Ja, denke ich, er und ich und das Mädchen an der Kasse, wir sind wie ein geronnenes Stück Leben, drei Generationen – eine beginnt erst ins Leben zu gehen, eine füttert die streunenden Katzen an den Grabsteinen und eine steht dazwischen.

Wasser des Lebens bin ich, ausgegossen für dürstende Menschen.

 

Sirène

„Ich weiß nicht, ob ich sie wiedersehen werde und ob das gut wäre oder schlecht.
Ich kann euch nur sagen:
eure Lieblingsgeschichte – welche es auch sein mag – wurde nur für einen Leser geschrieben.“
(„Von 5 bis 7: Eine etwas andere Liebesgeschichte“)

lost friend, my heart aches for you

aus Gründen:
… nicht Du bist gemeint, nicht Du und auch Du nicht – es scheint angebracht, selbst einen Vornamen als abgekürztes Mini-Teilchen zu verkleiden. Paranoia oder Wichtigtuerei; als sei jeder Mensch in jeder Sequenz aus Bits und Bytes als herausragend zu erkennen, als sei eigentlich immer er gemeint, obwohl ihm nur in Manhatten ein Eis aus der Hand fällt.

Der monatelange Weg durch Berge von Papier, Warteschleifen-Rauschen. Das Fühlen, wie innen Erinnerungen und Gefühle durch eine dicker werdende Schicht Seelenpanzer hier verwachsen, dort sich lösen.

Die letzten Jahre hatte ich immer ein Hans-im-Glück-Gefühl, ausgefüllte Tage, Konzentration, klammheimliche Gewissheit, über kurz oder lang wieder Facetten des Lebens teilen zu können; allein zu sein innerhalb einer Zweierbeziehung gibt der Sprache ihre Zuhörer, dem Bild seinen Betrachter, dem Ton seinen Tanzschritt – sogar, wenn niemand da draussen ist.

Alleinsein ohne Partner ist der langsame Weg ohne Mut, ohne das Bewusstsein, im Tun Sinn zu finden und zu erschaffen, und das einzige Aufwühlen vor dem Point of no return ist das Keuchen des eigenen Atems, der gerade genug Sauerstoff in dich lässt, um zugleich dem Gehirn die Berechnungen und den Beinen die Kraft gibt und ermöglicht, eventuell gerade noch an den Rand des dunkel abgehobenen Wald weit vorne zu erreichen.

Als ich erwache liege ich schweißgebadet in einer feuchten Pfütze, wie in einer Sauna, durchsetzt vom Duft von Initio, Magnetic Blend Nr.7 … ich schwebe in einer Cloud aus weißen langen Blüten, benetzt vom warmen Dunst, schaue dich an und erkenne deine stille, tiefe Schönheit.

Ich weiß, dass das die Zeichen sind, dass dieser Weg noch nicht zu Ende ist, tauche wieder in dein Lächeln und schlummere ein; das Gefühl, aus deinen Armen entlassen zu werden, den Blick auf dein sanftes wunderschönes Gesicht gerichtet; meine Hand erschlafft in deiner, ich ertrinke in deinen Augen, und dann beginnt der Abstieg.

Ich weiß, du bewachst mich und meinen Tiefschlaf, ich weiß, morgen steht wieder eine Übung an, nach deren Abschluss sich immer weniger Teilnehmer versammeln. Und ich fühle die Hornhaut dicker werden, die nach und nach die Stellen versucht zu polstern, die an den Kontaktstellen entsteht, an denen unsere Waffen mit unseren sanften Gedanken und Gefühlen aneinander reiben.

Nachts, in unseren Träumen, verlieren sich die Einzelnen aus den Augen, jeder kämpft für sich allein, und jeder Verwundete wird um eine Verletzung reicher, bis er langsam den Kopf senkt, die Knie beugt und der Sehnsucht nach Ruhe nachgibt.

You’re in my heart, you’re in my soul